Peter der Weise

Wie Pontius zum Piloten und Sir Peter Ustinov zum Protestanten wurde:
ein Gespräch mit dem Universalgenie über seine Familie, seinen Glauben
und seine Rolle im Film „Luther”

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INTERVIEW ARND BRUMMER UND ARIANE HEIMBACH
FOTOS STEPHAN RABOLD

Motorengeheul im fünften Stock eines Berliner Nobelhotels. Ein Rennwagen scheint auf die halb geöffnete Flügeltür einer Suite zuzubrausen. Die Presseagentin springt zur Tür und stößt sie weit auf. Der Superstar rollt herein: Sir Peter Ustinov im elektrischen Rollstuhl. Noch einmal imitiert er den aufheulenden Motor, dann entscheidet er sich für das Quietschen eines betagten Rollstuhls und fängt unmittelbar darauf an zu kläffen. Ein Knopfdruck, der Rollstuhl stoppt. Ustinov zielt mit seinem Krückstock auf den Fotografen, lässt Gewehrsalven ertönen, besinnt sich kurz und segnet nun mit päpstlicher Geste die Anwesenden. Dann steht er auf und klettert auf das rote Sofa. Da thront er nun und feixt. Audienz beim König des Humors. Und der Beginn eines ganz normalen verrückten Gesprächs mit Peter Ustinov.

CHRISMON: Sir Peter, am Frühhimmel Ihrer Filmkarriere stand ein Christenverfolger: Nero im Film „Quo vadis”. Jetzt, im Herbst einer Weltkarriere, spielen Sie im Film „Luther” Friedrich den Weisen, den Retter des Reformators. Ist es ein historischer Zufall, dass Sie immer wieder mit solchen Themen in Berührung kommen?
SIR PETER USTINOV: Das weiß ich nicht. Ich habe in meinem Leben so viele Rollen gespielt. Mörder, Ganoven, Detektive. Aber meinen Großvater hätte es natürlich sehr interessiert, dass ich nun Luthers Retter spiele. Mein Großvater war Kavallerieoffizier in Russland. Er ritt auf einem Pferd, das ihm sein Vater, ein äußerst zügelloser Mann, geschenkt hatte. Leider hatte das Pferd dieselbe Weltanschauung wie mein Urgroßvater, und während des Manövers warf das Pferd meinen Großvater herunter. Er musste ein Jahr lang auf einem Brett liegen wegen seinem Rücken. In Saratow, wo sich seine Güter befanden. Auf der anderen Seite der Wolga lag damals die deutsche Wolgarepublik. Eines Tages kam ein Pfarrer herüber mit einer sehr hübschen Tochter. Und da verliebte sich mein liegender Großvater in diese Dame und wurde Protestant, um sie heiraten zu können.

CHRISMON: Klingt nach einer großen Romanze.
USTINOV: Von wegen. Hören Sie erst mal, wie die Geschichte weitergeht: Mein Großvater musste nach der Heirat 40 Jahre ins Exil gehen. Denn in der russischen Armee jener Zeit durfte man zwar Protestant sein, aber nicht werden. So ging er nach Württemberg, weil die Königin von Württemberg eine Tochter vom Zaren war. Olga. Sie war sehr höflich zu allen Russen, die Krach mit ihrem Vater hatten. Und so wurde mein Großvater Württemberger. Doch kaum war er Württemberger, verließ ihn seine Frau mit einem australischen Kapitän zur See. Mein Großvater wanderte daraufhin nach Palästina aus, machte in Jaffa ein Parkhotel auf und lernte dort meine Großmutter, die eine Halbäthiopierin und Halbjüdin war, kennen.

CHRISMON: Wie kam es dann dazu, dass Sie zwar in London geboren wurden, aber ausgerechnet in Schwäbisch Gmünd protestantisch getauft wurden?
USTINOV: Auch das war eine komische Geschichte. Meine Großmutter wollte unbedingt, dass ich in den Wassern des Jordan getauft wurde. Da das meinem Vater zu weit von London weg war, einigte man sich darauf, sich sozusagen in der Mitte zutreffen. Und das war dann Schwäbisch Gmünd.

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CHRISMON: Und das Jordanwasser ...
USTINOV: ... das brachte meine Großmutter in einer alten Keramikwärmflasche mit. Dummerweise hatte der Pfarrer in Schwäbisch Gmünd Parkinson im Anfangsstadium. Er zitterte so sehr, dass er die Flasche fallen ließ und sie auf dem Kirchenboden zersprang. Man sah auf dem Boden, hat man mir gesagt, genau, wie schmutzig das Jordanwasser war, mit allerlei Amöben und Dreck. Und so wurde ich in ganz normalem Leitungswasser getauft.

CHRISMON: Betrachten Sie Luther als typisch deutsche Figur?
USTINOV: Nein. Aber das Interessante an ihm ist, dass er die ganze Reformation angefangen hat, weil er dachte, dass die Leute in Rom nicht katholisch genug waren. Und das ist meiner Meinung nach das Paradox. Was er dachte, war wirklich höchst intelligent und höchst modern. Ich fühle mich in seinem Denken sehr zu Hause – obwohl ich nicht religiös bin.

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CHRISMON: Sie sind ein Agnostiker?
USTINOV: Es ist gut, dass Sie das fragen. Wenn man mich fragen muss, was ich glaube, ist das ein gutes Zeichen, denn es zeigt sich nicht einfach in meinem Verhalten, was ich glaube. Man sollte einen Menschen nach seinem Verhalten beurteilen und nicht nach dem, was er denkt. Deshalb ist ja auch die ganze Inquisition lächerlich. Die haben Leute getötet und gefoltert, nur weil sie das Falsche dachten. Glaube ist eine zutiefst persönliche, innerliche Angelegenheit. Niemand weiß, wie Gott aussieht. Da mache ich mir lieber meine eigenen Vorstellungen, als dass sie mir ein Agent vermittelt.

CHRISMON: Die Protestanten sprechen hier vom Priestertum aller Gläubigen ...
USTINOV: Ja. Das ist genauso mit meiner Liebe zum Theater. Ich muss ja auch nicht mit einer Agentin schlafen, um diese Gefühle zu spüren (lacht).

CHRISMON: Sie haben mal gesagt, „je älter man wird, desto mehr merkt man, dass die Seele wahrscheinlich unsterblich ist. Der Körper geht aus dem Leim, aber die Seele hat sich nicht wirklich verändert.” Ist das Ihr Glaubensbekenntnis?
USTINOV: Ja. Ich glaube natürlich daran, dass die Seele existiert. Und wenn etwas ewig ist, wird es die Seele sein. Momentan glaube ich allerdings, dass nichts ewig ist. Aber ich bin bereit, jeden Augenblick erstaunt zu sein. Ich finde, Thomas ist eine der rührendsten Figuren der ganzen Bibel.

CHRISMON: Weil der so genannte „ungläubige Jünger” erst die Wundmale Jesu berühren musste, bevor er an die Auferstehung glauben konnte?
USTINOV: Ja, er war skeptisch.

CHRISMON: Interessieren Sie sich für die Geschichten in der Bibel?
USTINOV: Natürlich interessiert mich die Bibel. Aber noch spannender finde ich den Papst. Ich habe ihn wirklich sehr gern. Auch wenn ich nicht alle seine Ideen teile. Das spielt keine Rolle. Man hat viele Freunde, die nicht derselben Meinung sind. Was ich an dem Papst schätze, ist, dass er versucht, innerhalb seines Glaubenskorsetts ökumenisch zu sein. Man muss ihm nur dabei zusehen, mit welcher Willensstärke er Erzbischöfe küsst, die aus einer ganz anderen Kirche kommen, mit komischen Hüten und Gardinen auf dem Kopf (lacht).

CHRISMON: Er hat ja auch das legendäre Weltfriedensgebet in Assisi organisiert mit den Oberhäuptern der unterschiedlichsten Religionen, unter anderem dem Dalai-Lama.
USTINOV: Ja, genau. Der Dalai-Lama ist dem Papst noch einen Schritt voraus in seinen Ideen, finde ich. Ich kenne ihn sehr gut. Er sagt immer: Bleiben Sie bei Ihrem eigenen Glauben. Wer den Weg des Glaubens geht, kommt am Ende schon am richtigen Ziel an.

CHRISMON: Um noch mal auf die Bibel zurückzukommen: Finden Sie als Humorist darin auch Geschichten, die Sie amüsieren?
USTINOV: Weniger in der Bibel, als darin, was die Leute aus ihr machen. Ich habe mir schon oft Predigten in England angehört und dabei manche Ticks von den Anglikanern bemerkt. Etwa das „Well-you-know-Syndrom”.

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CHRISMON: Was ist das?
USTINOV: Sie können Englisch? Gut. (Mit erhobener Stimme, salbungsvoll wie ein Prediger:) And Jesus came up into a high place, saw the woman, raised his hand upon her forehead and said: Go thy way. [Und Jesus kam zum Tempel, sah die Frau, hob seine Hand über ihre Stirn und sagte: Geh deinen Weg.] (Dann plötzlich ganz nüchtern:) Well, you know, only yesterday in the High Street I met a woman ... [Übrigens, gestern in der High Street traf ich eine Frau ...] (Bricht in dunkles Gelächter aus.)

CHRISMON: Sie meinen den sehr abrupten Übergang zum Alltäglichen in diesen Predigten, die Herstellung falscher Analogien?
USTINOV: Die Hakenschläge. Dazu fällt mir noch eine andere Geschichte ein. Es gab mal eine irische Schule in Dublin. Und die Kinder hatten die Aufgabe, die Flucht nach Ägypten zu malen. Alle haben es konventionell gemalt, mit Kamel und so. Nur ein kleiner Junge hat ein Flugzeug gemalt. Mit Maria, Josef und Kind in einem Fenster. Und die Lehrerin hat gesagt: Aber Patrick, was machst du da? Und er: Wir sollen doch die Flucht nach Ägypten malen. Und sie: Ich erkenne die heilige Maria und Josef, aber wer ist der Mann vorne? Die Antwort (in breitem Irisch): Pontsches, the Peuilet. Pontius, der Pilot! (Wieder schallendes Gelächter.)

CHRISMON: Zu Ihrer Rolle im Luther-Film: Hatte Friedrich der Weise eigentlich zu diesem Professor aus Wittenberg einen theologischen Zugang oder eher ein Verhältnis wie zu einem Popstar?
USTINOV: Ich glaube, dass er nicht wusste, wie wichtig Luther war. Aber er mochte die George-Bush-Typ-Methoden nicht, die der Vatikan benutzte, um sich seiner Feinde zu entledigen (lacht).

CHRISMON: Luther wird in dem Film als ein von Zweifeln zerrissener Mensch gezeigt. Sie haben den Zweifel einmal als Antriebsfeder des menschlichen Existierens gewürdigt.
USTINOV: Ja, der Zweifel einigt die Menschen, und die Überzeugung trennt sie.

CHRISMON: Es gibt einen evangelischen Theologen, der sagt: Gut gezweifelt, ist halb geglaubt.
USTINOV: Auch nicht schlecht. Aber es ist komisch, dass die Theologen, die uns beim Film beraten haben, so stark bezweifelt haben, dass Friedrich der Weise und Luther sich je getroffen haben. Ich habe gesagt: Es muss eine Szene geben, wo sie sich treffen. Der Augenblick, als er die Übersetzung der Bibel ins Deutsche von Luther geschenkt bekommt, ist der Höhepunkt ihrer Beziehung. Da versteht Friedrich der Weise sofort, dass er Luther nicht mehr verteidigen muss. Von dem Moment an, als alle die Bibel lesen können, verliert Rom sein lateinisches Monopol darauf.

CHRISMON: Da haben Sie zusammen mit dem Luther-Darsteller Joseph Fiennes eine Szene ausgeknobelt.
USTINOV: Genau. Ich fand das sehr wichtig. Ich habe die Theologen gefragt: Warum glauben Sie nicht, dass sich die beiden begegnet sind? Und sie: Das steht nirgends, dass sie sich getroffen haben. Da habe ich erwidert: Halten Sie es denn für möglich, dass ich eine Beziehung zu Doktor Hans Küng in Tübingen habe? Und die Theologen: Nein, ist doch eine ganz andere Welt. Und ich sage: Ich war Präsident eines UNESCO-Treffens in Valencia, und er war ein Delegat. Und wir haben uns lange gestritten und sind Freunde geworden. Das war auch nirgends zu lesen. Heißt das, dass wir uns deshalb nicht getroffen haben?

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CHRISMON: Sie sind auch Präsident der Organisation der Weltföderalisten, einer Vereinigung von Kosmopoliten ...
USTINOV: ... das ist auch das Sekretariat von allen Nichtregierungsorganisationen, die für einen internationalen Gerichtshof gekämpft haben.

CHRISMON: Und Amerika schließt jetzt bilaterale Verträge mit Kambodscha ...
USTINOV: ... um das zu verderben. Aber der Weltgerichtshof existiert. Man kann ihn uns nicht mehr nehmen.

CHRISMON: Sie haben in Budapest ein Institut für Vorurteilsforschung gegründet. Womit beschäftigt man sich dort?
USTINOV: Ich habe gerade mit zwei Mitarbeitern ein neues Buch geschrieben: „Achtung! Vorurteile”. Es geht zum Beispiel darum, dass Babys ganz ohne Vorurteile geboren sind. Die Vorurteile kommen erst später ins Leben. Durch drei Instanzen, die von allen sehr gelobt werden: die Familie, die Kirche und die Schule.

CHRISMON: Aus welchen persönlichen Motiven ist Ihnen die Vorurteilsforschung so wichtig?
USTINOV: Unter anderem weil ich mich sehr über den Irak-Krieg aufgeregt habe. Schuld daran war der Charakter von George Bush und all diesen amerikanischen Fanatikern. Ich bin überhaupt nicht antiamerikanisch eingestellt. Aber ich bin ganz und gar gegen dieses Regime. Das sind Verräter der amerikanischen Ideale. Und was mich schockiert: Die Amerikaner haben es noch nicht bemerkt. Politiker müssen eine eigene Meinung haben. Das steht außer Frage. Die ganze Demokratie basiert auf Meinungen – und auf Meinungsänderungen. Aber Meinungen werden zu Vorurteilen, wenn sie einfrieren. Es sind tote Meinungen, die nur noch leben, weil es eine Tradition ist.

CHRISMON: Sie haben sich in Ihrem Leben nie auf einen Beruf beschränkt. Sie haben Theaterstücke geschrieben, Drehbücher, Sie sind ein brillanter Musikanalytiker, kurz, ein interdisziplinärer Mensch. Sind Sie jemand, der ständig unter Leistungsdruck steht?
USTINOV: Nein, das ist mir alles einfach passiert. Ich hatte keine andere Wahl. Ich habe immer große Hoffnungen gehabt, aber nie große Erwartungen. Deshalb habe ich alle guten Sachen, die mir geschehen sind, für so erstaunlich gehalten. Und wenn Leute fragen: Bedauern Sie nichts in Ihrem Leben? Da muss ich sagen, ich habe keine Zeit gehabt, um Sachen zu bedauern. Das Leben ist viel zu kurz.

CHRISMON: Sie hatten nie Zeit zu bedauern – heißt das, Sie waren nie depressiv?
USTINOV: Ich habe mal ein Theaterstück geschrieben, das schief gegangen ist. Da war ich natürlich deprimiert. Aber in diesem Augenblick bekam ich das Skript für „Quo vadis”, die beste Filmrolle, die ich je gespielt habe. Hätte das Theaterstück Erfolg gehabt, hätte ich den Film nie machen können. Seither denke ich: Man kann nicht sagen, dass eine Erfahrung nur gut oder nur schlecht ist.

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CHRISMON: Manche Leute sehen die Chancen zuerst, andere die Risiken. Sie gehören offenbar zu den risikobereiten Menschen. War das der Grund, sich noch mal auf so etwas Beschwerliches wie Dreharbeiten einzulassen?
USTINOV: Der Grund war, dass ich das einfach gut kann. Und manchmal ist es gut, zu üben. So wie ein alter Cellist. Außerdem arbeite ich gerne mit Leuten, die ich respektiere. Eric Till ist einer der besten Regisseure, mit denen ich je gearbeitet habe. Das erste Mal haben wir vor 35 Jahren einen Film zusammen gedreht. Es rührt mich, dass er jetzt 70 ist, und ich bin 82. Und wir verstehen uns instinktiv, ohne diskutieren zu müssen.

CHRISMON: Wie gehen Sie damit um, dass der Körper im Alter immer schwächer wird?
USTINOV: Ich bin daran gewöhnt. Ich kenne diese Karosserie und dieses Chassis schon so lange. Und ich weiß, dass ich eben ein bisschen öfter tanken gehen muss, als wenn der Motor neu ist.

CHRISMON: Bleibt uns, Ihnen herzlich zu danken und Ihnen viel Kraft zu wünschen für die wichtigen Dinge, die Sie noch bewegen.
USTINOV: Übertreiben Sie nicht.

Mit freundlicher Genehmigung von chrismon
Ausgabe 10/2003