Notizen zum Thema Vorurteile (Übersetzung)
Von Sir Peter Ustinov
Warum eine Geschichte der Vorurteile?
Obgleich das Vorurteil seit Anbeginn der menschlichen Rasse ein Teil von uns allen ist, ist seine Geschichte als solche relativ kurz. Die Begründung dafür ist, dass es über Jahrhunderte hinweg als normales und beizeiten sogar als erstrebenswertes Element der sozialen Struktur angesehen wurde.
Und warum existiert es bereits solange wie die menschliche Rasse? Nun, als ein anderes Wort für Vorurteil mag „vererbte Meinung” angesehen werden. Doch ganz zu Anfang des menschlichen Abenteuers gab es nichts zu vererben.
George Bush Junior ist ein republikanischer Präsident der Vereinigten Staaten. Genauso wie sein Vater, George Bush Senior. Wäre der Sohn ein Demokrat gewesen, hätte man dies vielleicht als einen Beweis ansehen können für einen vielleicht sogar schmerzlichen Unterschied zu seinem Vorbild im eigenen Hause. Die Tatsache, dass ihre politischen Ansichten identisch sind, beweist jedoch nicht, dass sie in allem einer Meinung sind und es beweist auch nicht, dass der Jüngere für sich eigenständig denkt. Tatsächlich aber sind in einem solchen Fall die Unterschiede zwischen politischen Parteien, aufgrund ihrer nebulösen Definition und ihres vagen Antagonismus nicht größer als die zwischen zwei Football-Teams und rufen eher Treue hervor, als eine Verurteilung, denn die linken Flügel von beiden stehen einander näher, als der eigene rechte.
Es ist recht verblüffend, dass das Vorurteil in jungen Jahren ausgebrütet wird, durch Institutionen, die von konventioneller Weisheit gepriesenen werden, gleichsam als Vorbote all dessen, was edel und daher erstrebenswert ist. Ich beziehe mich hier auf die Schule, die Kirche und Familie. Diese Pfründe sind nicht nur die Ausgangsposition für Lernen und ethisches Verhalten, sondern auch für eine große Anzahl vererbter Meinungen. Und die vererbten Meinungen verhärten sich über die Jahre und Jahrhunderte zu traditionellen Meinungen. Es wird vielleicht meine These bestätigen, wenn ich Ihnen eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse gebe, die mich zu dieser Schlussfolgerung geführt haben. Ich wurde vor 80 Jahren in London geboren, mit einer enormen Vielfalt von Blut in meinen Adern, jedoch ohne einen Tropfen englischen Blutes und ging dort mit sechs Jahren zum ersten Mal zur Schule, also im Jahre 1927. An der Wand meines ersten Klassenzimmers hing ein großes Ölgemälde von Jesus Christus, dargestellt mit wallenden Locken, wohlgestutztem Bart und einer Spur weiblicher Grazie in der Art illustrierter Bibeln dieser Zeit. Er streckt onkelhaft seine Hand aus zu einem überwältigten Pfadfinder, während er ihm mit der anderen Hand die Größe der Britischen Reiches auf einer Karte zeigt. Der Ausdruck in Jesus´ Gesicht ließ keinen Zweifel daran aufkommen, auf welcher Seite er steht. Ich protestierte, dass Jesus ein universelles Symbol sei und nicht für eine Seite mobilisiert werden könne auf Kosten der anderen. Mir wurde gesagt, ich solle nicht blasphemisch sein und überhaupt sei das Bild patriotisch und daher hoch zu achten. Die Autoritäten waren mir milde gestimmt und werteten meinen rebellischen Ausbruch leider als Ausdruck offensichtlicher Unkenntnis. Später stieß ich dann auf ein Zitat von Cecil Rhodes, dem Gründer von Rhodesien und Pionier der Diamantindustrie. Er sagte zu einem Freund: „Bedenke, dass Du ein Engländer bist und daher den ersten Preis in der Lotterie des Lebens gewonnen hast.” Das Leben ändert sich mit den Jahreszeiten, ebenso wie die Lotterien. Niemand, kein Diktator, kein Guru kann jemals das Unvorhersehbare bestimmen; und heute heißt das Land, das so stolz den Namen seines Gründervaters trug, Zimbabwe und leidet unter vollkommen anderen Vorurteilen, die aber auch nicht ewig währen.
Ein wenig später in meinem Leben wurde ich in die Britische Armee einberufen und verbrachte dort viereinhalb Jahre als Soldat. Dort wurde ich von selbsternannten Offizieren unterrichtet, denen der Krim-Krieg näher stand, als das Jahrhundert, in dem wir lebten: „Nur ein toter Deutscher ist ein guter Deutscher” und andere herzerwärmende Beispiele veralteter Vorurteile lehrte man mich. Sie zeigten uns, wie man einen Sandsack mit einem Bajonett angreift und dabei ebenso ohrenbetäubend schreit wie arabische Frauen, die eine Katastrophe beklagen und wie man, das Ziel avisierend, „Rein – Raus – En-guarde!” schreit. Diese Bemühung, aus menschlichen Wesen brutale Zombies zu machen, hat ihr Ziel vollkommen verfehlt, sie war jedoch eine ideale Schule um zu erkennen, dass Vorurteile einen großen Einfluss auf die haben, die ohne eine Anwandlung von Moral nur an sich selbst denken. Ich kann ehrlich sagen, dass ich niemals mehr meiner eigenen Zeit und der meiner Mitmenschen verschwendet habe, als in der Armee. Und es war symptomatisch für alles, was noch folgte, dass das Leben in Uniform sicherer war, als das des Zivilisten.
Genau am Ende dessen, was ich lachend als meine militärische Karriere bezeichne, war ich Patient in einer Klinik, die zeitweise das Heim einiger Kriegsgefangener war. Eines Morgens begegnete ich einem deutschen General im Garten, der dort seinen „Morgenspaziergang” machte. Seit Jahren hatte ich kein Deutsch mehr gesprochen und fragte ihn wie es ihm geht. Er war erstaunt, einen angeblich britischen Soldaten zu treffen, der seine Sprache spricht. Wir hatten das Gespräch noch nicht ganz beendet, da fand ich mich auch schon gefesselt in der Wachstube wieder, wo ich über die Vertraulichkeiten ins Kreuzverhör genommen wurde. Mir wurde gesagt, ich hätte gegen eine Regel verstoßen, von der ich bislang noch nichts gehört hatte, nämlich sich mit anderen in Deutschland zu fraternisieren. Wie so viele Dinge, die damals ernst genommen wurden, erscheint dies heutzutage absurd. Alles in allem bin ich dabei erwischt worden wie ich über das Wetter geredet habe und zwar mit einem lebenden Deutschen und damit mit einem Bösen.
Anfänglich vermutete ich, dass die Geschichte des Vorurteils als solche eine der jüngeren Vergangenheit ist. Dementsprechend ging es in Ordnung, wenn man das Ministerium von Herrn Goebbels „Reichspropagandaministerium” nannte. Oder, anders gesprochen, Ministerium für die Fabrikation von Lügen. Dann jedoch wurde das britische Äquivalent Ministerium für Information genannt, so wie jedes andere Büro auch so genannt werden musste in den frühen Tagen der „political correctness”.
Dies ist eine unangenehme Phrase, in der eine dünnlippige Frömmigkeit mitschwingt, doch der eigentliche Grund für ihre Existenz verkündet, dass jeder Umstand frei von Vorurteilen sein muss. Dies ist die erste öffentliche Anerkennung der Gefahr von Vorurteilen in Form einer bloßen Anerkennung seiner Existenz.
Wir leben in einer Epoche von noch nie da gewesenem Fortschritt. Über Jahrhunderte hinweg war das schnellste Ding auf Erden ein Mann auf einem Pferd und dann erschien , zunächst langsam die Dampfmaschine, der Raddampfer und der Verbrennungsmotor, gefolgt vom Flugzeug, dem Radio, Telefon und Fernsehen. Es mündet in den aufregenden täglichen Vorteilen auf dem Feld der Information, Kommunikation und des Komforts. Die Spanne der menschlichen Existenz auf dieser Erde, die sich in einem Bereich von etwa 6.000.000 Jahren bewegt, ist geprägt durch langsame, statische Fortschritte, jedoch auch durch Zeiten des Rückschritts, „Dunklen Zeiten”, in denen konservatives Denken möglich war und oftmals sogar logisch war. Das Heute kann mit dem Gestern ohne Probleme verglichen werden, seit die Veränderungen geringer sind und das, was das Morgen bringt, kann heute bereits ohne Risiko vermutet werden. Was ist heute jedoch das Maß der Veränderung? Mit der Gesamtheit der menschlichen Geschichte als Maßstab, ist der zeitliche Unterschied zwischen dem ersten tollkühnen Flug der Wright Brüder dreißig Meter über dem Boden und dem Betreten des Mondes durch die amerikanischen Astronauten verschwindend gering und die überwältigende Geschwindigkeit des Fortschritts wächst mit jedem Tag. Für ein gemeinsames Verständnis ist es daher in der Tat viel zu schnell.
Das Internet hat einen unüberschaubaren Ozean zugänglich gemacht, der weit größer ist als die, die durch Kolumbus, Vasco da Gama, Magellan und anderen erkundet wurden. Wir stehen nun vor der Notwendigkeit, diese Immensität zu kartographieren und damit nutzbar zu machen. Und mit der Globalisierung kommen andere Herausforderungen. Als erste Handlungsebene, um die Idee der Globalisierung zu umfassen, ist offensichtlich der Kommerz am besten dazu geeignet, nationale Regularia und Restriktionen zur Megalomanie zu umschiffen. Heutzutage haben manche Firmenverbände höhere Budgets, als kleinere Industriestaaten. Die ausgewiesenen Nutznießer dessen sind nicht notwendigerweise die Konsumenten, sondern das organisierte Verbrechen, das wie ein Parasit auf dem Rücken des Kommerzes lebt und dort wächst und gedeiht. Ein Welt-Gerichtshof ist eine andere Notwendigkeit. Diesen wirklich wundervollen und beeindruckenden Umstand, der aus diesem enormen Vorwärtsdrang ins Ungewisse entsteht, beantwortet die Menschheit mit einem erstaunlichen Wachstum in ihrer Kapazität für erleuchtete Gedanken und eine ausgewogene Würdigung der Welt um sie herum.
Die erste Russische Revolution im Jahre 1917 war eine wichtiger historischer Einschnitt, der begleitet wurde von Blutvergießen und unsagbarem Elend. Die zweite Russische Revolution, 1991, war eine einstudierte Vermeidung von Konflikten, auch wenn Elend hierbei nicht ganz ausgeschlossen werden konnte. Spanien hat überraschender Weise über Nacht vom Faschismus zur Demokratie gewechselt, in diesem Falle ein Triumph des Tourismus über die Autokratie. So wie menschliches Bewusstsein häufig durch kontroverse Bedeutungen wächst, die durch das Fernsehen vermittelt werden so wie durch die Möglichkeit für weit mehr Menschen, aus reinem Vergnügen zu reisen, als in der Vergangenheit, hat auch der Kontakt zu anderen Lebensformen, anderen Kulturen enorm zugenommen.
Sport leistet ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des Verständnisses. Er ist, auf seine Art, die logische, moderne Alternative zum Krieg, er spricht die gleichen Stammeszugehörigkeiten in den Herzen an und befriedigt ohne Blutvergießen die niederen Instinkte, durch Ehre maskiert.
Er ist die generelle und bemerkenswerte Verbesserung auf dem intellektuellen Level des sogenannten Mannes (und natürlich auch der Frau) auf der Straße , der langsam begonnen hat, auf die wüsten Attacken der Kriegstechnologien zu reagieren. Wir sind dabei, die Distanz zwischen gesprochenem und geschriebenem Wort zu zerstören. Vielleicht sind wir letztendlich auf dem Weg, bessere Worte zueinander zu sagen oder füreinander zu schreiben: Genau das ist wirklich wichtig.
Das Vorurteil ist identifiziert, nach Jahrhunderten im Untergrund, als Maulwurf in der Mitte der Gemeinschaft, es ist identifiziert als einer der größten Schurken auf der Besetzungsliste der Geschichte. Es ist verantwortlich für Fehlinterpretationen bezüglich Nationen und Religionen, die anders sind, als die eigene. Genauso wie für die unkritische Lobpreisung der eigenen Religion und Nation, genutzt als seine Waffe, die blanke, unerwachsene Ignoranz.
Vormals vermutete ich, dass die drei Bereiche, in denen dem Vorurteil erlaubt wird, zu gedeihen, die Kirche, die Schule und die Familie sind. Ich habe bereits demonstriert, wie das Vorurteil sein Gift verspritzen kann, eine Art von Chloroform für den wachsenden Geist in meiner Schulzeit (heute weniger, obwohl die nationale Geschichte nach wie vor zu weit getrennt von der Geschichte der Welt ist, um eine notwendige Balance in der Einschätzung zu halten). Die Familie wird generell als die einzige Einheit gewertet, die zählt, obwohl in modernen Zeiten große Abnormalitäten gesprossen sind, die ein Zeichen dafür sind, dass manche die Familie eher als Gefängnis ansehen, wenn nicht gar als Hölle. Sicherlich ist das Viktorianische Vorurteil, dass Kinder zwar gesehen werden sollen, aber nicht gehört, ein Anzeichen für häusliches Wohlbefinden. Wie für die Religion, über die ich bereits sagte, dass Religion ein Fenster öffnet, Religionen jedoch – im Plural – dieses wieder schließen. Die meisten Religionen, wie auch die menschliche Natur selbst, sind viel bemerkenswerter hinsichtlich ihrer Ähnlichkeiten, als ob ihrer Unterschiede. Ökumenische Gottesdienste werden immer üblicher und sie stellen keine unüberwindbaren Probleme dar. Und sobald sie in die Hände menschlicher Interpreten gelangen, versucht jeder, Vorteile gegenüber dem anderen herauszuspielen. Die Meinung ist ein essentielles Resultat persönlicher Betrachtung, vererbte Meinung jedoch (oder anders gesprochen: Vorurteile) ist eine Verneinung persönlicher Betrachtung. Und sobald vererbtes in traditionelles wechselt, wird es tödlich, wie man bei den geistlosen Aktivitäten fundamentalistischer Moslems beobachten kann oder bei der absurden Feindschaft zwischen sogenannten Katholiken und sogenannten Protestanten in Nordirland. Diese Fanatiker sind indoktriniert durch gewisse Verhaltensweisen, die selbst eine beschränkte Funktion des Gehirns verhindern. Das Gehirn ist ein wunderbares, Gott gegebenes Instrument, welches jedem zugeteilt wurde, um es in der ganzen Bandbreite seiner Möglichkeiten zu nutzen und nicht um in einzelne Verhaltensmuster gezwungen zu werden.
Als der Papst die überraschenden Zugeständnisse bezüglich der Irrtümer Kirche während der Inquisition, der Ketzerverbrennung und der gewaltsamen Konvertierung der Illiteraten machte, alles Brutalitäten, die typisch für diese Zeit waren, war es eine generelle Anerkennung seiner Person, seiner Güte und seines Großmuts. Seine endlosen Bemühungen zur Schlichtung und Zusammenarbeit zwischen den Kirchen ist ein anderer Beweis für die Menschlichkeit genauso wie mehr esoterisch religiöse Qualitäten. Dann kommt jedoch die besänftigende Stimme von Kardinal Ratzinger, die uns daran erinnert, dass die Kirche in Rom wie lobenswert die Bemühungen auch sind, immer noch die Mutter aller Kirchen ist. Dies jedoch ist eine andere Debatte, die hier keinen Platz hat, doch sie zeigt, wie geschickt vererbte Meinung in die eigene Meinung infiltriert wird.
Meinung ist essentiell, sie ist geschaffen um sich zu verändern, anderenfalls hat sie keinen Nutzen für die Demokratie. Und letztendlich ist die Meinung wie auch der religiöse Glaube, die Verantwortung und reflektiert auf die Würde des Einzelnen.
Vererbte Meinung oder Vorurteil ist die Verneinung der Meinung an sich und ist für diejenigen reserviert, die unfähig oder nicht willens sind, den Vorteil dieses großartigen Geburtsrechts des Gehirns zu nutzen.
Wie auch für die traditionelle Meinung, ist es reserviert für diejenigen, die zu viel Angst haben und dadurch zu energiegeladen sind um nichts zu tun, es sei denn, gemeinsam mit anderen.
Das Geräusch eines gemeinsamen Schrittes lässt sie eines Mutes teilhaftig werden, den sie alleine nicht hätten – und da Schreien von Parolen in einem geordneten Unisono lässt sie glauben, dass sie wohl-geölte Kolben in einer unbesiegbaren Maschine sind. Ihre Darstellung von körperlicher Stärke ist genauso bedrohlich wie ihre Ambitionen entmutigend und hohl sind.
Taliban, Gauleiter, Prediger des Heiligen Krieges, Verkünder der Herrenrasse, sind vom gleichen Schlag, sie alle haben nie gelernt, selbstständig zu denken und ihre Talente richtig einzusetzen, sie alle gehen blind einem frühen Tod entgegen.
Eine Sache hat uns die vorübergehenden Jahre und ihre Tragödien gelehrt, nämlich dass das Vorurteil der Teufel im Detail ist, die Verschmutzung der Atmosphäre, das Gift im Brunnen. Es muss erkannt und isoliert werden, sterilisiert im Interesse einer essentiellen Interdependenz zwischen den Menschen auf diesem Planeten.

